Vernunft siegt vor Ehrgeiz


La Fouly, Schweiz, 13:39 Uhr

Völlig entkräftet und ohne Energie steige ich, Michael Ohler, aus dem diesjährigen UTMB aus. Bis hierher habe ich 110 Kilometer, 6.300 Höhenmeter, eine Nacht und 19 Stunden hinter mir.

Aber erst mal zurück zum Start des Abenteuers.

Am Freitagabend, den 1. September stehe ich mit weiteren 2.300 Teilnehmern am Start des Ultra-Trail du Mont-Blanc (abgekürzt UTMB).

Unter Vangelis’ Conquest of Paradise setzen wir uns in Bewegung. Hinein in ein Abenteuer, von dem keiner weiß, wie es enden wird.

Die ersten 8 Kilometer sind flach und ich versuche das dichte Feld rasch zu verlassen. Somit habe ich beim Anstieg auf den ersten 2.000er keinen Stau.

Auf den nächsten 25 Kilometern geht es dann auch schon in die erste Nacht, aber auch stetig 1.500 Höhenmeter hinauf auf den Col du Bonhomme. Der angekündigte Regen und Wind setzt jetzt ein. Zum Schutz ziehe ich meine Regenjacke über und streife die Wasserdichten Handschuhe über die mittlerweile kalt gewordenen Hände. Spätestens jetzt ist mir die Wichtigkeit der Pflichtausrüstung und die penible Kontrolle im Vorfeld bewusst.

Mit jedem Höhenmeter wird es empfindlich kälter und der Anstieg will kein Ende nehmen. Dann löst Schnee den Regen ab. Unter meiner Regenjacke ziehe ich warme Armlinge hoch. Das verschwitzte Shirt muss bleiben. Umziehen ist bei den kalten Temperaturen und Wind nicht drin. Bloß nicht stehen bleiben, immer bewegen, um die Körpertemperatur hoch zu halten!

Endlich habe ich den Gipfel in 2.500 Metern Höhe erreicht und es geht die nächsten 5 Kilometer hinab nach Chapieux. Jetzt liegen noch 30 Kilometer und ein weiterer Anstieg auf den Col de la Seigne mit einer Anhöhe über 2.500 Höhenmeter vor uns.

Dann bin ich in Italien und habe mit Courmayeur die große Zwischenstation erreicht. Runter nach Courmayeur muss ein heftiger Downhill mit 750 negativen Höhenmetern zurückgelegt werden. Ziemlich durchgeschüttelt komme ich in der großen Halle in Courmayeur an.

Die Pause nutze ich, um frische Socken und ein neues Oberteil anzuziehen. Am meisten habe ich mich auf die Pasta gefreut, die natürlich großartig schmeckte.

Nach der Stärkung geht es raus aus Courmayeur zum nächsten Anstieg auf ca. 2.000 Höhenmeter. Aber ich habe nach der Pause richtig Probleme wieder in Gang zu kommen. Mir helfen Gespräche mit anderen Läufern, muss dann aber viele ziehen lassen.

An der nächsten Verpflegungsstelle kann ich nur ein- zwei salzige Kekse zu mir nehmen. Mir wird langsam bewusst, dass ich eigentlich zu wenige trinke. Meine Gels im Rucksack habe ich auch noch nicht angerührt. Deshalb zwinge ich mich zum Essen.

Also geht’s, mit hoffentlich neuer Energie, über das Plateau weitere 12 Kilometer nach Arnouvaz.

Jetzt tut mir jede Steigung weh. Und der 2.600 Meter hohe Grand Col Ferret wartet auch noch auf mich!

Dieser Anstieg raubt mir die letzte Energie. Der Anstieg – hinein in einen absurden Schneesturm – dauert ewig. Mir kommen die ersten Gedanken an einen Ausstieg. Möchte aber die nächste Verpflegungsstelle abwarten.

Es folgt ein brutaler Downhill und mit jedem Meter festigt sich der Gedanke zum Aussteigen. Ich will hier raus!

Die letzten Kilometer zur Verpflegungsstelle in La Fouly gehe ich nur noch. Meine Energie und meine Motivation sind irgendwo in den Bergen geblieben. Im Verpflegungszelt lasse ich mir erstmal Zeit, trinke einen Kaffee, esse Kuchen. Vielleicht kommt ja die Power zurück? Aber ich kann den leeren Körper und Geist nicht wieder auftanken. Mir wird meine Verantwortung als Familienvater bewusst. Somit entschließe ich mich, den Lauf hier und jetzt zu beenden.

Steile Uphills, technische Downhills, schlammige Serpentinen, Dunkelheit, Kälte, Nässe, Schnee, schmerzende Füße. Diesen Beanspruchungen, in dieser extremen Kombination, war mein Körper und mein Geist an diesem Tag einfach nicht gewachsen.

Und was ist mit dem UTMB? Hier bin ich mir fast sicher. Fakt ist, dass ich nach wie vor Ambitionen habe, Wettkämpfe mit deutlich mehr als 100 Kilometern zu bestreiten. Solange sich das nicht ändert, versuche ich auch den UTMB in Angriff zu nehmen. Diesen DNF 1) werde ich nicht einfach so stehen lassen. Rückblickend habe ich vieles gelernt und für mich auch mit dem Ausstieg zu diesem Zeitpunkt die richtige Entscheidung getroffen.

Einmal muss ich den UTMB finishen. Die Frage ist nur: Wann?

1) Die Bezeichnung „Did not finish“ (DNF; engl. für „nicht beendet“) wird allgemein im Sport für gestartete Teilnehmer (speziell im Ausdauersport) verwendet, die den Wettkampf nicht beenden konnten.