GutsMuths-Rennsteiglauf – Europas größter Cross auf dem Höhenweg des Thüringer Waldes


GutsMuths-Rennsteiglauf
Europas größter Cross über den Höhenweg des Thüringer Waldes
Als ich mir im vergangenen Jahr Gedanken darüber gemacht habe, welche
Höhepunkte ich mir in diesem Jahr setzen möchte, bin ich auf den Begriff
„Rennsteiglauf“ gestoßen. Den Begriff hatte ich an Hans-Jürgen Eichbergers
Ladentür gesehen. Der Begriff wurde gegoogelt und nachgelesen.
Was bedeutet GuthsMuths? Was bedeutet die besondere Schreibweise? Bevor
ich mich mit dem Rennsteiglauf befasst habe, wollte ich etwas über den Namen
wissen. Über Wikipedia lässt sich das rasch nachlesen. Der Namensgeber für
den Rennsteiglauf war ein Hauslehrer im 18. JH, der sich sehr früh mit Sport
und Laufen beschäftigt hat und maßgebliche Werke verfasst hat, die auch den
späteren „Turnvater Jahn“ beeinflusst hatten.
Dann habe ich etwas nachgelesen über den Rennsteig. Ich wusste zwar, dass
dies ein Wanderweg im Thüringer Wald ist, damit war mein Wissen aber schon
erschöpft. Nun weiß ich mehr. Auch hier hat mir das moderne Lexikon
Wikipedia geholfen. „Der Rennsteig ist ein ca. 170 km langer Kammweg sowie
ein historischer Grenzweg im Thüringer Wald, Thüringer Schiefergebirge und
Frankenwald. Außerdem ist er der älteste und mit etwa 100.000 Wanderern
jährlich der meistbegangene Weitwanderweg Deutschlands. Er beginnt im
Eisenacher Stadtteil Hörschel am Ufer der Werra und endet in Blankenstein an
der Selbitzbrücke.“
Dann bin ich in die Ausschreibung zum 40. GuthsMuths-Rennsteiglauf
gegangen. Ein Kultlauf?! Ein Jubiläumslauf?! So etwas wäre natürlich doppelt
interessant! Dann auch noch ein Crosslauf? Crossläufe mache ich eigentlich
auch gerne. Dann habe ich die Entfernung gesehen: 72,7 km! Ob ich so eine
Distanz überhaupt schaffe? Im vergangenen Jahr bin ich ja die 50 km nach
Reichshoffen gelaufen, und dabei ging es mir gar nicht so schlecht. Es muss zu
schaffen sein!
So mutig, mich gleich anzumelden war ich aber nicht. Zuerst muss die
Vorbereitung stimmen. Nach einer kurzen Trainingspause im Spätjahr ging es
Ende November los. Wieder regelmäßiges morgendliches Training, lange
Einheiten am Wochenende. Trainingseinheiten in Bad Bergzabern um die
Höhenunterschiede zu trainieren, Laufeinheiten an der „Hohen Derst“. Zur
Vorbereitung noch mindestens ein ganz langer Lauf nach Bad Bergzabern dort
noch die Berge hoch und dann wieder zurück – ein Lauf der mit Kai schon lange
geplant war. Weiterhin sollte noch mindestens ein Marathon in der Vorbereitung
liegen. Es hat sich herausgestellt, dass Freiburg und der Weinstraßenmarathon
jeweils in 3 Wochen Abstand lagen und zum Supermarathon dann auch nochmal
3 Wochen Abstand waren. Die beiden Marathons wurden gebucht. Dann bin ich
noch einmal auf die Homepage des GuthsMuths-Rennsteiglauf gegangen. Schon
unzählige Anmeldungen! Rasch habe ich die Hotels gecheckt und gesehen, in
Eisenach wird es eng. Also habe ich schnell noch in Eisenach das Hotel gebucht.
Sollte nun etwas in der Vorbereitung schief gehen, dann würde ich mir halt ein
schönes Wochenende mit meiner Frau in Eisenach machen. Aber die
Testmarathons liefen gut, insbesondere der Testmarathon an der Weinstraße.
Jetzt habe ich mich angemeldet!
Wenige Tage später kam die Anmeldebestätigung – jetzt gab es kein Zurück
mehr.
Am Nachmittag vor dem Rennsteiglauf habe ich die Startunterlagen geholt. Die
offizielle Zahl vom Vortag lag bei 16.444 Anmeldungen für alle Läufe
zusammen: Supermarathon, Marathon, Halbmarathon und für die
Wanderer/Nordic Walker. Alles unterschiedliche Strecken. Und:
Nachmeldungen waren am Nachmittag noch möglich. Letztendlich waren für
den Supermarathon 2590 Läufer am Start.
Schon gleich wie die Schalter für die Ausgabe der Laufunterlagen aufgemacht
haben, gab es Warteschlangen. Fröhliches und aufgeregtes Diskutieren über die
Läufe der vergangenen Jahre und über die Ziele und Erwartungen für den
morgigen Tag. So langsam wurde ich nervös. Die Unruhe wurde immer größer
dem Weg zum Hotel. Was sollte ich zu Abend essen, was sollte ich am
Frühstücksbüffet zu mir nehmen? Keine Ahnung, schauen was tun die anderen.
Ganz normal essen! Zum Abendessen einen großen Salatsteller, Kartoffeln (das
sind auch Kohlenhydrate!), Putenbrust und eine Creme brulé zum Nachtisch.
Die Nacht war unruhig, aber nicht wegen des Essens. Ein riesiges Unwetter mit
Gewitter und heftigen Regenfällen geht unter. Angekündigt ist ein
Temperatursturz für morgen von 29 auf 14°. Hoffentlich hält das Wetter
morgen. Nachts immer wieder der Blick zur Uhr wann muss ich aufstehen? Nur
nicht verschlafen! Um 4:30 Uhr Wecken, 15 min später Frühstück, um 5:15 Uhr
fährt das Taxi, um 6:00 Uhr ist Start.
Zum Frühstück, gleiches Spiel wie am Vortag, schauen was tun die anderen.
Meine Wahl fiel letztendlich auf mein übliches Frühstück mit Müsli, einer
Scheibe Brot und ausnahmsweise Nutella.
Der Zeitplan wird eingehalten, mit dem Taxi in die Stadt, Kleiderbeutel abgeben
und Punkt 6:00 Uhr fällt der Startschuss. Gott sei Dank, es regnet nicht, die
Temperatur liegt bei 8°. Es fällt auf, dass das sonst übliche Gedränge wie bei
den Marathons ausbleibt. Die Läufer sind fröhlich und lassen einander Raum.
Erst mitten in der Hauptstraße, wo auch die Zuschauer stehen, wird es enger.
Die ersten Kurven kommen und dann der erste Anstieg, ebenfalls in den Kurven.
Hier wird es eng; wir verlassen die Stadt und kommen auf einen immer
schmäler werdenden Feldweg. Hier gibt es dann schon etwas Gedränge.
Hoffentlich wird das besser, denn so macht das Laufen nicht wirklich Spaß.
Nach 7 km, der offiziellen Einmündung in den Rennsteig wird es tatsächlich
besser. Die ganz schnellen Läufer sind schon lange weg, und die ganz
langsamen weit hinten. Man sieht weder Anfang noch Ende der Läuferschlange.
Im Wald hört sich das Läufergetrampel an wie ein kontinuierlicher Dauerregen.
An der 1. und 2. Getränkestelle greift noch fast niemand zu, das ändert sich aber
an der 3. Verpflegungsstelle. Alles wird angeboten: Mineralwasser, Cola,
power-Gel, Tee, Obst und Schleim, Schmalzbrot und Würste!
Ich bin gut in der Zeit, greife mir einen Becher Tee und laufe weiter. Immer
noch bergauf bis Kilometer 25, hinauf auf den Großen Inselsberg auf 916 m.
706 Höhenmeter sind geschafft. Das hat Kraft gekostet! Nun geht es aber
hinunter zur Grenzwiese auf 723 m zum nächsten Verpflegungsstand. Ein
Becher Tee, ein Becher Schleim: leicht gesalzen, in Wasser angerührte
Haferflocken. Die sind mir allerdings nicht sonderlich bekommen, ich habe
anschließend darauf verzichtet. Bananen sind bekömmlicher. Die
Heidelbeersuppe probiere ich vorsorglich auch nicht. Auch auf die angebotenen
Schmalzbrote habe ich dankend verzichtet.
Die nächsten 20 km sind relativ angenehm. Wenig Höhenunterschiede, ein
schöner breiter Waldweg. Dank dem Orkan Kyrill gibt es immer wieder
Schneisen im Wald, die einen Ausblick nach rechts oder links weit ins Land
geben. Sonst gibt es rechts und links im wesentlichen nur BÄUME. Irgendwann
wird es langweilig.
Abwechslung bieten nun die Wanderer und Nordic Walker, die nun hinzu
kommen und die Teilstücke des Rennsteig des im Rahmen des Rennsteiglaufes
mit Startnummern absolvieren. Diese Wanderer und letztlich Wanderer, die auf
eigene Faust unterwegs sind, sind bis ins Ziel hinein unsere ständigen Begleiter
und feuern alle Läufer mit Worten, Rätschen und Beifall an; kaum ein
Kilometer ohne Motivationsschub von außen.
Die Marathondistanz von 42,2 km wird auf 720 m Höhe erreicht, danach geht es
steil hoch auf 886 m. Erfrischend, dass kurz danach eine Getränkestation
kommt. In der Nähe von Oberhof befinden sich 2 Verpflegungsstationen, an der
ersten Verpflegungsstation (Grenzadler) endet für die Wanderer und Nordic
Walker die Veranstaltung, dort ist auch eine Messstelle für die Supermarathon
ist installiert.
Hier denke ich das erste Mal darüber nach, dass es eigentlich schön wäre, hier
den Lauf schon zu beenden. Eine gewisse Müdigkeit macht sich in den Beinen
breit, und die nächsten Anstiege kommen noch. Am Rondell bei Oberhof wartet
meine Frau auf mich; Gott sei Dank hat sie mich nicht gefragt ob ich aussteigen
möchte, sondern hat mich animiert weiterzulaufen: „Es sind ja nur noch 20 km,
die schaffst du noch!“
Nur noch weniger als 20 km, weniger als einen Halbmarathon, das sollte
tatsächlich zu schaffen sein. Die nächsten Anstiege kommen. Vom Rondell auf
826 m geht es fast stetig hinauf zu „Plänkners Aussicht“, Kilometer 61,3 – mit
973 m der höchste Punkt der Strecke. Ich freue mich, denn nach der Karte, die
ich im Kopf habe, geht es jetzt nur noch bergab bis ins Ziel. Ich bin müde, der
Rücken schmerzt, die Beine schmerzen, die Knie, die Sprunggelenke, die
Fußgelenke – ich merke jeden Knochen und Muskel. Nur noch bergab!
Denkste!
Es kommen noch etliche kleine Anstiege, ich kann aber keinen mehr nach oben
rennen, ich muss gehen. Jedes ebene Stück, jedes Stück bergab tut gut. Bei
Kilometer 69 kommt im Tal Schmiedefeld in Sicht. Nur noch 3 km. Jetzt sehne
ich mich ins Ziel, jeder Meter tut weh.
Endlich! Die letzte Kurve, der Zielbogen kommt näher. Die Stimmung ist gut,
der Lärm fast ohrenbetäubend. Rechts und links über die letzten 500 m stehen
die Leute an der Strecke und klatschen, johlen und feuern jeden an, die letzten
Reserven zu mobilisieren und das Ziel laufend zu erreichen.
Geschafft!! 72,6 km! Ein Blick zur Uhr zeigt inoffiziell 7 h 15. Zufrieden,
glücklich endlich das Ziel erreicht zu haben.
Im Ziel gibt es Cola und Tee, ein paar Äpfel, nicht mehr. Das soll es gewesen
sein, wo sie unterwegs doch auch Schmalzbrote, Wurst und alles Mögliche
angeboten haben? Jetzt habe ich Hunger, jetzt würde ich schon so ein
Schmalzbrot essen. Aber im Ziel geht es spartanisch zu. Ich erinnere mich, dass
ich in meinem Kleiderbeutel noch einen Gutschein habe. Schnell zur
Gepäckswiese und den Beutel geholt. Der Gutschein ist gut für einen Köstrizer
Schwarzbier und eine Läufer-Suppe. Die Schlange vor der Suppenausgabe ist
unendlich! Aber das Schwarzbier schmeckt köstlich. Am Bratwurststand noch
schnell eine Bratwurst und dann zum Auto, zurück ins Hotel unter die Dusche.
Einen anstrengenden Lauftag ganz gemütlich ausklingen lassen.
Fazit: Gehen ist schön, Laufen ist schöner, das Rennen am Rennsteig ist etwas
Besonderes, es wird für mich einmalig bleiben.
• Zu den Daten: Streckenlänge 72,7 km, Starthöhe 210 m NN, Zielhöhe 711
m NN, Anstiege Gesamt: 1470 m, Abstiege Gesamt: 969 m,
Höhendifferenz 2479 m. Höchster Punkt der Strecke: 973 m NN.
Streckenrekorde: Christian Seiler, (2012) 5 h 10 min 20 s (neuer
Streckenrekord); Isabella Bernhard, Maxdorf, (2003) 5 h 58 min 50 s.

Thomas Dambach